9.5/10

9.5/10

Die Originalklang-Bewegung ist im fließenden Übergang begriffen. Noch sind da viele Eiferer, die eine authentische Musizierpraxis für sich beanspruchen, mit ihren seltsamen Dogmen und Tabus: stampfende Takt-Einsen, kurz abgerissene Phrasenschlussnoten, Vibrierverbot, jaulendes An- und Abschwellen, strukturloses Forte. Andere haben diese Kombination von Unkultiviertheit und Verbohrtheit längst hinter sich gelassen und suchen Anschluss an überlieferte Qualitäten, die inzwischen vom Mainstream beiseite gespült worden sind. So auch das Genfer Quatuor Terpsycordes, das schon vor einem Jahr mit einer wunderbar zarten, feinfühligen Schubert-CD begeisterte. Jetzt haben sich die Musiker den „Sieben letzten Worten des Erlösers am Kreuze“ gewidmet – und damit einen der wichtigsten Beiträge zum Haydn-Gedenkjahr geleistet. Was für ein Vortrag: durchsichtig, von erlesener Klangkultur und vollendeter Homogenität! Zwar bin ich nicht mit jeder Phrasierung d’accord, doch klingt alles präzise und zugleich beseelt, mit klarer Absicht, mit Raum für Entfaltung und Spannkraft gestaltet. Das Fortissimo wirkt stets etwas leichtgewichtig, bis zum Schluss im Terremoto (Erdbeben) die entfesselte Naturgewalt über den Hörer hereinbricht. Besonders fein im Affekt und daher zum Reinhören empfohlen: der 6. Satz, „Es ist genug“. Und mit dem runden, plastischen, ausgewogen direkten Klangbild möchte ich die Aufnahme auch audiophilen Hörern ans Herz legen.

Christoph Schlüren